Modul 3

Inhaltliche vs. Kriterien-orientierte Bewertung von Artikeln

Kriterien, die den Autor (z.B. H-Index), das Journal (z.B. Eigenfactor) oder die Publikation selbst betreffen (z.B. Häufigkeit, mit der die Publikation zitiert wurde), sind lediglich Indizien für die Bedeutsamkeit und die Qualität einer Publikation. Entscheidender sind selbstverständlich der tatsächliche Inhalt der Publikation und deren Relevanz für die Fragestellung, der Sie jeweils nachgehen.

Über die Gewichtung der verschiedenen Kriterien ist im Einzelfall zu entscheiden. Tendenziell unterliegen Publikationen in angeseheneren Journals strengeren Kriterien und weisen daher oft eine höhere Qualität auf. Eine Publikation eines bekannten Autors oder eine häufig zitierte Publikation könnte tendenziell von höherer Qualität oder interessanter sein, ist es jedoch nicht zwangsläufig. Umgekehrt kann auch eine noch nicht allzu oft zitierte Publikation, die in einem unbekannten Journal publiziert und von einem unbekannten Autor verfasst wurde, von hoher Qualität oder für Ihre spezielle Fragestellung relevant sein. Beispielsweise sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Fachzeitschriften neu gegründet worden, die sich noch keine Reputation aufbauen konnten, aber dennoch qualitativ hochwertige Arbeiten enthalten.

Auch ohne tiefgehende inhaltliche Kenntnisse des jeweiligen Themas können Sie wissenschaftliche Arbeiten anhand der Qualität der methodischen Vorgehensweise beurteilen. Beispielsweise besitzen verschiedene Forschungsmethoden unterschiedliche Aussagekraft. In der Regel wird das Experiment als aussagekräftigste Methode angesehen. Allerdings ist die Qualität der methodischen Vorgehensweise stets kontextabhängig zu beurteilen. Nicht für jede Fragestellung ist ein Experiment am besten geeignet. In vielen Untersuchungen ist es zudem gar nicht möglich, die unabhängigen Variablen experimentell zu manipulieren (z.B. können Sie die Folgen einer Kriegstraumatisierung nur an quasiexperimentellen Gruppen untersuchen, die entsprechenden Geschehnissen ausgesetzt vs. nicht ausgesetzt waren).  Auch andere Merkmale psychologischer Untersuchungen (zum Beispiel der Umfang der Untersuchungsstichproben, die Güte der eingesetzten Messinstrumente, die Kontrolle von möglichen Störvariablen) sind relevant für die Beurteilung der Qualität einer Fachpublikation. Ein breites und fundiertes psychologisches Methodenwissen (z.B. in den Bereichen „Versuchsplanung", „Testkonstruktion" und „Statistische Datenanalyse") ist also nicht nur wichtig, um selbst psychologische Untersuchungen planen und auswerten zu können. Es ist auch notwendig, um psychologische Fachpublikationen verstehen und angemessen bewerten zu können. Die Informationen, welche Sie für diese methodische Beurteilung brauchen, lassen sich oftmals bereits aus der Zusammenfassung (Abstract) einer Publikation erschließen.

Neben methodischen Aspekten sind auch der strukturelle Aufbau und die logische Nachvollziehbarkeit und Schlüssigkeit der Argumente entscheidend. Für die Bewertung der Qualität der Argumente sind jedoch meist auch tiefergehende inhaltliche Kenntnisse erforderlich. Es ist daher nicht abwegig, sich zu Beginn der Einarbeitung in ein Thema zunächst an den behandelten formalen Kriterien zur Bewertung von Publikationen zu orientieren. Im späteren Verlauf können Sie mit zunehmendem inhaltlichem Wissen auch differenziertere inhaltliche Bewertungskriterien heranziehen.


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Zuletzt geändert: Freitag, 16. Januar 2015, 15:12